Fast 100 Jahre Sport in Röthenbach

Die Geschichte des TSV 1927 — von den Anfängen am Kanalhafen bis heute.

Gründung, Bruch und Neuanfang (1927–1954)

Wo Salzstraße und Kanal aufeinandertrafen

Über Jahrhunderte war Röthenbach ein kleiner Ort an wichtigen Verkehrsadern: an der Salzstraße von Nürnberg nach Bad Reichenhall und ab 1843 am Ludwig-Donau-Main-Kanal. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten hier kaum mehr als 500 Menschen. In dieser Welt — geprägt von Industriearbeitern, die an die Schwarzach gezogen waren — entstand 1927 die Idee eines eigenen Sportvereins.

1927 — Gründung beim Postwirt

Schon ab 1925 wurden auf dem gemeindeeigenen Platz südlich des Bahnhofs und am ehemaligen Kanalhafen private Fußballspiele ausgetragen. 1927 hoben dann rund 30 Sportbegeisterte in der Postgaststätte den Turn- und Sportverein Röthenbach bei St. Wolfgang aus der Taufe. Da der Kern der Mannschaft aus Industriearbeitern bestand, meldete man den Verein beim Arbeiter-Turn- und Sport-Kartell (ATSK) an — was bedeutete, dass nur gegen ATSK-Vereine angetreten werden durfte. Gespielt wurde in schwarzen Hosen und blauschwarz gestreiften Trikots.

Auf der LKW-Ladefläche unterwegs

In Zeiten ohne PKW war jedes Auswärtsspiel ein Abenteuer. Zu nahen Spielen ging es per Fahrrad nach Wendelstein, Feucht oder Altenfurt; nach Neumarkt ist die Mannschaft samt Anhängerschaft einmal sogar zu Fuß marschiert. Für längere Strecken stand der Lkw des Wendelsteiner Boten zur Verfügung: Bänke auf die Ladefläche, im Sommer Plane zurückgeschlagen, im Winter dunkel — und dann ging es mit bis zu 30 Mann unter einer kilometerlangen Staubfahne über die Schotterstraßen. Sportlich gelang 1931/32 der erste Erfolg: der Aufstieg in die nächsthöhere Klasse.

1933 — der Bruch

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden alle Mitgliedsvereine des ATSK aufgelöst. Auch der TSV Röthenbach: das Vereinsvermögen wurde beschlagnahmt, ein Teil der Spieler hängte die Stiefel an den Nagel, andere wechselten zu DFB-Vereinen. Im April 1933 fand das letzte Spiel statt. Der Verein war Geschichte.

1954 — Neuanfang im selben Gasthaus

Erst neun Jahre nach Kriegsende, am 6. März 1954, gelang ein Neubeginn — und zwar im selben Gasthaus, in dem der Verein 27 Jahre zuvor aus der Taufe gehoben worden war. 30 Aufnahmescheine wurden noch am selben Abend unterzeichnet. In der ersten Verwaltungsratsitzung wurden die Vereinsfarben festgelegt: grüne Trikots, grün-weiße Stutzen, schwarze Hosen. Diese Farben prägen den Verein bis heute. Einen festen Sportplatz gab es nicht — gespielt wurde zunächst auf dem alten Vorkriegsplatz, dann auf wechselnden Provisorien an der Alten Salzstraße.

Wiedergegründete Fußballmannschaft, 1954
Provisorischer Sportplatz mit Baracke, 1950er

Vom Fußballverein zum Mehrspartenverein (1961–1986)

1961 — Aufstieg und ein neuer Name

Vereinswappen, 1962 entworfen

Das Jahr 1961 markiert zwei Wendepunkte: sportlich gelingt der Aufstieg in die B-Klasse, und die Tischtennis-Abteilung wird gegründet. Ein Jahr später beschließt die Jahreshauptversammlung, das Gründungsjahr 1927 in den Vereinsnamen aufzunehmen — der Verein versteht sich seitdem ausdrücklich als Rechtsnachfolger des 1933 zwangsaufgelösten Ursprungs. Im selben Zuge entsteht das Vereinsabzeichen, das den Verein bis heute prägt.

Vom Fußballklub zum Mehrspartenverein (1967–1979)

Was als reiner Fußballverein begann, öffnet sich Schritt für Schritt: 1967 wird die Turnabteilung offiziell gegründet, die schon seit 1956 inoffiziell aktiv war. 1972 entsteht eine Frauenfußball-Mannschaft — eine Pioniertat in einer Zeit, in der Frauenfußball erst wenige Jahre vorher überhaupt zugelassen war. 1973 kommen die Alten Herren dazu, im selben Jahr erscheint die erste Ausgabe der Vereinszeitung „TSV-Nachrichten". 1974 eröffnet die Schwarzachhalle und schafft Platz für mehr Sportarten.

Den größten Wachstumsschub bringt das Jahr 1979: an einem einzigen Tag werden vier neue Abteilungen gegründet — Volleyball, Tennis, Kegeln und Leichtathletik. Schon 1981 stehen die ersten vier Tennisplätze, 1986 folgt die Eisstockabteilung. Aus dem Fußballklub mit 30 Mitgliedern ist ein Mehrspartenverein mit weit über 700 Mitgliedern geworden.

Ein eigenes Vereinsheim (1984–1987)

Auf wechselnden Pachtflächen zu spielen, hatte den Verein über drei Jahrzehnte begleitet. 1984 fasst die Mitgliederversammlung den Beschluss, ein eigenes Vereinsheim zu bauen. Jedes Mitglied verpflichtet sich zu 45 Arbeitsstunden innerhalb von drei Jahren. Die Grundsteinlegung erfolgt am 2. August 1985, das Richtfest schon am 23. November desselben Jahres. Pünktlich zum 60. Vereinsjubiläum wird das Vereinsheim am 20. Juni 1987 eingeweiht — gebaut auf eigenem Grund, in Eigenleistung.

Herren-Tischtennis-Team, 1971
Frauenfußball-Mannschaft, 1970er Jahre
Volleyball-Mannschaft, 1970er Jahre
Tischtennis-Turnier, 1975
Vereinswappen TSV 1927 Röthenbach

Vereinswappen, Stand ca. 1987

Einweihung des Vereinsheims zum 60. Vereinsjubiläum, 1987

Höhepunkte und Wandel (1987–2003)

Sportliche Höhepunkte

Mit dem eigenen Vereinsheim und der wachsenden Sportplatz-Anlage beginnt die sportlich erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte. 1988 wird die Mädchen-Fußballmannschaft Bayerischer Meister mit einem 4:3-Sieg über Bayern München. Im selben Jahr werden die Frauen Bezirksmeisterinnen, die Tischtennis-Damen steigen in die Bayernliga auf. In den folgenden Jahren spielen die TT-Damen mehrfach in der 1. Bundesliga (1995, 1998, 2002) — sie bleiben bis heute der größte sportliche Erfolg des Vereins.

Aufbruch ins Internet und nach Polen

1999 geht der TSV online — als einer der ersten Vereine im Landkreis Roth präsentiert er sein Angebot im Internet. Im Jahr 2000 findet erstmals der „Tag des Sports" statt, mit Inliner-Lauf quer durch die Marktgemeinde. Im selben Jahr beginnt eine deutsch-polnische Jugendbegegnung mit der Wendelsteiner Partnergemeinde Zukowo, die in den Folgejahren wiederholt wird.

75 Jahre — und eine knapp gescheiterte Fusion

Im Juli 2002 feiert der Verein sein 75-jähriges Bestehen mit Festzelt, ökumenischem Gottesdienst und Bands. Hinter den Kulissen werden bereits Gespräche mit dem TSV Wendelstein über eine Fusion geführt. Im März 2003 stimmen 102 von 161 anwesenden Mitgliedern dafür — 63,4 Prozent statt der erforderlichen 75. Die Fusion scheitert knapp. Der Verein bleibt eigenständig.

Damen-Tennis-Mannschaft, 1990er Jahre

Modern und auf dem Weg zur 100 (2003–heute)

Eine neue Ära (2003–2009)

2003 übernimmt erstmals eine Frau die Vereinsführung — eine Premiere in der bis dahin 76-jährigen Geschichte. Mit ihr kommt eine neue Transparenz-Kultur: alle Sitzungen des Vorstands werden öffentlich abgehalten. 2004 entstehen mit Bogenschießen und Shaolin Kung Fu zwei weitere Abteilungen, die bis heute zum Verein gehören.

Verbessern, erhalten, sanieren (2010–2016)

Vereinswappen, 2015 neugestaltet

Die folgenden Jahre stehen unter dem Motto, das Erreichte zu pflegen. 2010 geht eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Vereinsheims ans Netz; im selben Jahr wird die wegen Schimmelbefall geschlossene Kegelbahn umfassend saniert. Sportlich erfolgreich sind in dieser Zeit vor allem die jüngeren Sparten — die Bogenschützen und Shaolin-Kung-Fu-Sportler holen Medaillen bis hin zu Welt- und Europameisterschaften. 2015 wird der Internetauftritt überarbeitet und das Vereinswappen behutsam in Form und Farbe neu gestaltet — die traditionellen Vereinsfarben Grün-Schwarz bleiben erhalten.

Schuldenfrei zum 90. Geburtstag

Sonderlogo zum 90-jährigen Vereinsjubiläum, 2017

2017 fließen die letzten Raten der vor 30 Jahren aufgenommenen Vereinsheim-Darlehen ab. Der Verein ist schuldenfrei. Im selben Jahr beschließen TSV und TSV Wendelstein, ihre Fußballabteilungen in einem eigenen Verein zusammenzuführen — dem FC Wendelstein 2017. Die Spieler bleiben Mitglied in ihren Stammvereinen, treten aber gemeinsam an. Am 1. Juli 2017 wird der 90. Geburtstag mit einem Sommer-Sportfest und Festabend gefeiert.

Auf dem Weg zur 100

Sonderlogo zum 100-jährigen Vereinsjubiläum 2027 (noch nicht offiziell veröffentlicht)

Die Geschichte der Jahre 2018 bis heute wird gerade fortgeschrieben. 2027 feiert der TSV sein 100-jähriges Bestehen.

Festschriften & Jubiläumshefte

Festschriften erscheinen anlässlich runder Vereinsjubiläen und dokumentieren die Geschichte des TSV 1927 Röthenbach und seiner Abteilungen. Die folgenden Hefte stehen als PDF zum Download bereit.

📄 1987 — 60 Jahre TSV (Festschrift) (26 MB)

📄 1997 — 70 Jahre TSV (Festschrift) (31 MB)

📄 2002 — 75 Jahre TSV (Festschrift) (11 MB)

📄 2004 — 25 Jahre Volleyball (7 MB)

📄 2012 — TSV Frauen Jubiläum (2 MB)

📄 2017 — 32 Jahre Eisstockabteilung (7 MB)

📄 2019 — 40 Jahre Volleyball (1 MB)